Zwei Schriftsteller_für Netfusion0202

 

Willkommen bei Peter Gallus

 

Von Weesberg

 

Die Erben des Lambert

 

Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Hab und Gut,

weder Deines Nächsten Frau,

noch seinen Knecht, noch seine Magd, noch sein Rind oder

seinen Esel und nichts,

  was Deinem Nächsten gehört.

 

Exodus 20,17

 

Prolog

 

Der Mann saß an einem eichenen Schreibtisch, schräg im Stuhl zurückgelehnt, einen Arm schlaff auf den Tisch gelegt, den anderen herunterhängend. Vor ihm lag eine Zeitung ausgebreitet die in großen Lettern berichtete: Attentat auf das World Trade Center.

Der Mann, er mochte um die siebzig sein, saß schon eine ganze Weile unbeweglich. Das Attentat interessierte ihn nicht. Sein Blick war auf einen weniger bedeutenden Artikel unten rechts in der Zeitung gerichtet: Grauenvoller Fund auf Weesberg. Bei Ausgrabungen auf der Burg Weesberg in Westfalen stießen Archäologen auf eine schon stark verweste Leiche. Die Ausgrabungsarbeiten wurden sofort eingestellt und der Fundort erkennungsdienstlich untersucht. Die zuständige Mordkommission  schließt  ein Verbrechen nicht aus, da der Zustand des Schädels auf Fremdeinwirkung hindeutet.

Der Mann las den Artikel und jedes einzelne Wort dieser Meldung brannte auf seiner Seele.

Schließlich richtete er sich schwerfällig auf und  schob die Zeitung beiseite. Dann kramte er in einer Schreibtischschublade nach Briefpapier, entnahm seiner Jackettjacke einen altmodischen Füllfederhalter und setzte sich in Schreibposition, die Ellenbogen  aufgestützt, wodurch der Hemdkragen an seinem wulstigen Nacken scheuerte. Mit der Zunge schob er noch sein schlecht sitzendes Gebiss zurecht, als wolle er sich für eine Rede vorbereiten, dann verfasste er einen Brief.   

 

Lieber Gunther,

Ich schreibe dir zum ersten Mal und weiß, dass es mein letzter Brief ist. Es tut mir leid, dass ich ausgerechnet Dir diesen Brief schreiben muss.

Ich weiß nicht, an wen ich mich wenden soll und ich habe auch nicht den Mut dir persönlich zu sagen, um was es geht. Ich habe schwere Schuld auf mich geladen, damals bevor sie die Mauer abrissen. Lange Zeit ist es mir gelungen, mich hier zu verbergen. Aber nun hat meine Vergangenheit mich eingeholt. Ich will reinen Tisch machen.

Man wird diesen Brief in meiner linken Jackettasche finden und dir überbringen. Gehe damit zu dem Notar Dr. Geldern in Bergen. Dort habe ich mein Testament hinterlegt. Dort wirst Du alles erfahren, auch meinen richtigen Namen.

Ich gehe jetzt zu den Kreidefelsen am Königstuhl, wo wir im Sommer gepicknickt haben. Von dort kann man weit übers Meer sehen. Ich werde die Smith & Wesson dabei haben.

Es ist nur ein kurzer Augenblick wenn man in den Mund schießt. Wahrscheinlich merkt man es gar nicht. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich es kann. Bete für mich.

 

Rügen den 12.09.01             Reiner

 

Der Mann steckte den Brief in einen Umschlag, auf den er noch eine Adresse schrieb:

Kriminalkommissariat Bergen

Aussenstelle Binz

Jasmundstraße 11

18609 Binz  z. Hd. Herrn Fritsch

 

Dann schob er den Brief in seine linke Innentasche und  entnahm  der rechten Schreibtischschublade einen Revolver. Er drehte die Trommel. Die Kammern waren geladen. Er steckte die Waffe ein,  erhob sich, nahm einen knorrigen Gehstock aus der Garderobe und verließ das Haus, um eine Geschichte zu beenden, die 40 Jahre zuvor in einer Sturmnacht begonnen hatte.

Draußen empfing ihn der Nebel, der an diesem Abend bereits den ganzen Strand in ein milchiges Weiß getaucht hatte. Der Sand knirschte unter seinen Schuhen und er ging den Nebelschwaden entgegen, die ihn schließlich ganz einhüllten. 

 

 

Die Sturmnacht

Es war Erntedanktag in Lüdinghausen, als in den frühen  Abendstunden ein Sturm über Westfalen hinwegfegte. Der Sturm kam aus Nordwesten, donnerte über Münster und die südliche gelegene Dawert hinweg und fing sich an den Zinnen einer Wasserburg, wo er ein unheilgrollendes  Heulen erzeugte.

Ansgar von Weesberg, der Besitzer der Burg, saß mit seiner Frau Auguste im Landschaftszimmer über einer Partie Schach, als er das Heulen hörte und Türen und Fenster erzitterten.

Er hielt einen Augenblick inne, lauschte, während sich sein rechtes Auge weitete: „Donner und Doria, der Stall ist noch auf.“

Behände erhob er sich, war mit schnellen Schritten  an der Dielentür, riss sie auf und rief mit seinem Bariton in die Diele  hinein: „Rüdiger, schnell, hol Knechte und Mägde. Türen und Fenster und die Windschutzklappen schließen, es gibt Unwetter.“

„Bin schon unterwegs, Vater“, antwortete sein achtzehnjähriger Sohn und eilte durch die Diele zum Treppenhaus.

Ansgar selbst rannte über den Wehrgang zu den Stallungen, um hier alle Luken und Tore zu verriegeln, damit sie dem Sturm keine Angriffsfläche böten.

Als Ansgar das letzte Fenster und das Torhaus geschlossen hatte, war er außer Atem und ging langsam zurück durch die Stallungen, im Vorbeigehen seinen lebenden Besitz inspizierend.

So stand er an der Pferdebox, ein Westfale, groß und knorrig wie die Eichen auf seinem Hof, als er seinen Sohn Rüdiger auf die Tenne kommen sah.

„Vorne ist alles klar, Vater.“

„Danke, Rüdiger“, antwortete Ansgar, während er der Stute

ein Stück Schwarzbrot gab, „leg den Kühen das Heu nach, damit sie ruhig bleiben.“

Er sah eben, wie Rüdiger sich den wiederkäuenden Rindern zuwandte als er von draußen ein unheimliches Getöse vernahm.

Erschreckt blickte er auf: „Was ist das? Ja, was ist denn das? Rüdiger hörst du es auch?

„Ich weiß nicht. Es stöhnt und knirscht. Das ist doch nicht der Sturm.“

Ansgar sah, wie sein Sohn die Schultern einzog und mit schräg gestellten Kopf in der First starrte, als erwarte er, das Dach könne einstürzen.

„Mir wird ganz benaut zu Mute“, hörte er ihn sagen.

„Vielleicht nur eine Sturmböe. Es ist schon wieder weg.“

„Ja, es ist weg.“

„Ich schau mal durchs Fenster.“

Ansgar trat an das Stallfenster neben der Pferdebox, öffnete es vorsichtig und sah hinaus.

„Komisch, irgendetwas ist anders. Aber ich kann nicht sagen was es ist. Dabei liegt es mir auf der Zunge.“

„Der Pfau schreit.“

„Ja, ja, das Vieh schreit immer.“ Ansgar schloss das Fenster.

„Komm, lass uns ins Haus gehen.“

Die Standuhr im Esszimmer schlug neun, als sie die Diele betraten wo Auguste, und einige Bedienstete beieinander standen und aufgeregt durcheinander redeten, während seine Mutter Agnes, von allen nur Oma Weesberg genannt, im großen Ohrensessel vor dem Kamin saß und an einem Pullover strickte. „Ansgar“, hörte er ihre dünne Stimme, während sie leicht den Kopf hob, der durch ihre Schüttellähmung hin und her ging, als wolle sie stetig alles verneinen: „Ansgar, was war das?“

„Sturm, Mutter. Das kommt vor, im Herbst.“

Ansgar wandte sich an seine Bediensteten: „Geht nur zur Ruhe, morgen wird ein anstrengender Tag , wir werden sicher einiges aufräumen müssen.“

„Herbststurm“, hörte er seine Mutter. Sie schüttelte weiter mit dem Kopf: „wo sind die Kinder?

„Arndt schläft schon.“

„Doch nicht Arndt. Ich meine Heinrich und Constanze.“

„Sie sind zum Erntedank.“

„Wohl mit dem Motorrad? Oma Weesberg legte ihr Strickzug zur Seite, „Ich mag es überhaupt nicht, wenn Constanze mit auf dem Sozius fährt.“ Dabei blickte sie mit ihren wasserblauen Augen über den Rand der Brille zu ihrer Schwiegertochter: „Dass du aber auch nicht darauf aufpasst, Auguste.“

„Constanze ist mit dem Taxi gefahren, Mutter“, antwortete die, während sie sich auf einen Lehnstuhl ihrer Schwiegermutter gegenüber setzte.

„Aber Heinrich mit dem Motorrad, bei diesem Wetter. Es ist unverantwortlich.“

Auguste griff zu ihrem Nähkästchen und zog einen Socken hervor.

„Ansgar, das Feuer qualmt. Es riecht.“

„Moment, Auguste, das hab ich gleich.“

Ansgar kam um den Ohrensessel herum und fuhr er mit dem Schürhaken in die Glut. Er ordnete die Scheite neu und die Flammen züngelten an dem Buchenholz empor, das seine  Feuchte zischend abgab.

„Ich sagte unverantwortlich, Ansgar.“

Ansgar sah zu seiner Mutter hinüber und sein Gesicht hatte eine unwilligen Ausdruck, als er fragte: „Ist er denn nicht alt genug?“

„Alt genug oder nicht, mit dem Motorrad, und dann noch die

Liaison mit dieser Imholt.“ 

„Gisela Imholt ist eine anständige Frau.“

„Die hat noch nicht einmal eine Aussteuer und dann hatte sie diesen Galan, diesen, diesen.....“

„Du meinst den Herrn Vennhausen von Seppenrade.“

„Schöner Herr. Ein Windhund, ein Filou.“

„Unsere Constanze hat auch noch keine Aussteuer.“

„Das hat Zeit. Sie ist erst Siebzehn.“

„Auguste war achtzehn, als wir geheiratet haben.“

Ansgar hängte den Schürhaken in seine Stände und wandte sich zum Treppenhaus. Die Standuhr unter Balustrade stand auf zehn.

„Es ist spät, Mutter. Ich gehe nach oben. Muss morgen früh raus. Kommst du auch Auguste?“ Er sah zu seiner Gattin hinüber.

Auguste saß noch in dem Stuhl und trieb soeben die Nähnadel mit dem Fingerhut durch den Socken.

„Ich bin gleich fertig. Es ist immer viel zu tun. Waschen, putzen und Socken stopfen, jeden Tag.“

„Dann bis gleich. Gute Nacht Mutter.“

Ansgar ging die Treppe hinauf wie jemand der einen gewaltigen Berg hinauf klimmt und sein Tritt hallte schwer in dem weitläufigen Treppenhaus.

Eine Aussteuer für Constanze, eine Lehre für Rüdiger, ein Studium für Arndt, seinen Jüngsten.

Die Pfahlgründung seiner Burg war tausend Jahre alt. Würden die Pfähle der Schuldenlast standhalten?

Schon der Lastenausgleich vor einigen Jahren hatte ihn arg gebeutelt, und dann der Brand der neuen Scheune.

Wie würde es weitergehen mit der Familie der Weesbergs? Würde er Heinrich die Burg noch vererben können?

Er betrat das Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich. Ein Nachtgebet noch, dann schlafen, nur schlafen. Morgen Früh würde die Welt wieder neu aussehen und die Sorgen ein bisschen kleiner erscheinen. Ansgar von Weesberg ahnte nicht, dass seine Sorgen in dieser Nacht erst beginnen würden.

 

Die Taxifahrt

Ein Taxi bog in die Seppenrader Straße ein und wurde jäh von einer Sturmböe gepackt. Der Fahrer lenkte instinktiv gegen, um auf der Straße zu bleiben: „Himmel, Herrgott, Sakrament“, fluchte er, „so ein Sauwetter.“

Er sah zu seinem Fahrgast hinüber: „Entschuldigung, Fräulein von Weesberg.

„Hatten sie was gesagt?“, fragte Constanze von Weesberg und zog die Brauen in die Höhe.

„Nein, nein“, sagte der Fahrer, „hab nur laut gedacht.“

„Sie haben recht. Es ist wirklich ein Scheißwetter.“

„Sturmregen, ich fahre heute nicht mehr raus.“

Constanze schaute auf die Uhr. „Sie sind gleich erlöst. Da ist schon der Seppenrader Berg.“

„Es macht sechs Mark.“

Constanze kramte in ihrer Tasche: „Hier.“

„Gleich, wenn ich vor der Tür bin.“

„Hoffentlich ist es im Naundrups Hof nicht wieder so voll.“

„Es ist immer voll bei Naundrup.“

„Im letzten Jahr war es schlimm.“

„So, Fräulein von Weesberg. Hier sind wir.“

Der Fahrer hielt vor der Gaststätte, stieg aus dem Wagen und ging zur Beifahrertür: „Bitte sehr, gnädige Frau.“

„Machen Sie doch keine Umstände“, sagte Constanze während sie ihren Knirps hervorholte, „Sie werden ja ganz nass.“

„Geben Sie her“, sagte der Fahrer und griff nach dem Schirm, „ich gehe mit zur Tür.“

Der Fahrer hielt den Schirm schützend über Constanze und geduckt liefen sie über das nasse Kopfsteinpflaster zum Eingangsportal. Als sie das Foyer betraten riss eine Sturmböe dem Fahrer fast die Tür aus der Hand.

Constanze nahm den Schirm zurück: „Wirklich ein Sauwetter, hier, ihr Geld.“

Der Fahrer nahm das Geld entgegen und ging mit einem „Schönen Abend noch.“

Constanze schüttelte den Schirm aus. Im Foyer des Gasthauses, umfing sie eine gediegene Atmosphäre. Westfälisches Interieur mit eichenen Sitzgruppen; Wände mit Ölgemälden in goldenen Stuckrahmen und rustikalen Kronleuchtern.

Sie fühlte sich geborgen.

An der Garderobe traf sie auf Thomas Sand, einen älteren Junggesellen, den sie flüchtig kannte.

Er stand vor dem Spiegel und kämmte penibel durch sein schütteres Haar, wobei er es von der Schläfe weg über die  Geheimratsecken zog, und versuchte, sein Werk mit der Hand, dezent mit Speichel benetzt, zu festigen.

„Guten Abend, Herr Dr. Sand“, grüßte sie,  während sie ihren Sommermantel ablegte. Sand war promovierter Metallurge und hatte vor ein paar Wochen die Leitung der  Bischofwerke Lüdinghausen übernommen, mitten in einer Umsatzkrise, wie sie von ihrem Vater wusste.

„Guten Abend, Fräulein Weesberg“, hörte sie Sand, der sich zu ihr wandte, „wir sind wohl beide spät dran. Gönnen sie mir die Ehre sie in der Tanzsaal zu geleiten?“

„Die Ehre ist ganz meinerseits“, antwortete sie, und ärgerte sich, dass ihr der Satz so gezwungen über die Lippen gekommen war. Aber sie war froh, jemand gefunden zu

haben. Sie hasste es, allein zwischen so vielen Leuten zu sein, auch wenn es Nachbarn waren. Sie hatte dann immer das Gefühl, alle würden auf ihren Nasenhöcker starren, und das machte sie unsicher.

Sie warf einen Blick in den Garderobenspiegel. „Das Kostüm steht ihnen gut“, hörte sie Sand hinter sich.

„Danke.“

Sie ordnete ihr braunes Haar, strich noch rasch eine Falte des Kostüms glatt und fühlte sich schlanker als sonst. 

„Sie sehen fabelhaft aus, Fräulein Weesberg“, hörte sie Sand  schmeicheln und das „Fräulein“ kam ihr albern vor.

„Sagen sie ruhig Constanze zu mir“, kam sie ihm entgegen.

Vom Saal klangen die Akkorde eines Marsches herüber und sie hakte sich bei ihm unter.

Schon waren sie auf der Tanzfläche, zwischen Nachbarn, Bekannten und Freunden, von denen ihr der eine oder andere freundlich zu nickte oder ihr einen Gruß zurief.

„Sie tanzen traumhaft“, bemerkte Sand, als er ihr zum dritten mal auf den Fuß trat. Dabei lockerte er sein Krawatte.

„Sie tanzen auch nicht schlecht“, erwiderte Constanze, „gehen wir nach der Tanzrunde an einen Tisch?“

„Warum nicht an die Theke?, dort trifft man mehr Leute.“

„Lieber nicht.“

„Was haben sie gegen Theken?“

„Dort steht jemand den ich nicht mag.“

Sand sah zur Theke hinüber: „Lassen sie mich raten. Ist es der Lange mit der Glatze?“

„Nein.“

„Der Dicke mit der Zigarre?“

„Nein, ach wo“

„Der mit der Pfeife?“

„Nein, vergessen Sie es.“

„Also der mit der Pfeife.“

„Es ist Willy, unser Altknecht.“

„Sieht gar nicht so alt aus.“

„Ich mag ihn nicht. Er ist roh und ein Weiberheld.“

„Hat Bizeps wie ein Preisboxer.“

„Darauf kommt es nicht an.“

„Wir können an die hintere Theke gehen.“

Constanze ließ ihren Blick über den Raum gleiten. Hinten schien es leerer.

„Meinetwegen“, sagte sie schließlich, „Sie halten den Arm zu hoch. Ich hebe gleich ab.“

„Pardon.“

Constanze sah noch einmal zu dem verhassten Mann hinüber.

Der Altknecht hatte den linken Ellenbogen auf den Tresen gestützt, und führte mit der Rechten seine Pfeife zum Mund, so dass seine Muskeln aus dem Hemdärmel zu springen schienen.

Sie hatte stets das Gefühl von ihm taxiert zu werden, wie gut sie wohl im Bett wäre.

Mutter Auguste, die über die Moral auf Burg Weesberg wachte, versetzte er oft in Zustände, wenn sie beobachtete, dass er morgens verstohlen von der Kemenate  geschlichen kam, wo er mal diese, mal jene Magd von seinen männlichen Qualitäten überzeugte.

Neben dem Schanktisch stand das Erntedankbouquet aus Feld- und Gartenfrüchten, mit Kornblumen zu einem Strauß zusammengeflochten wie ein Stillleben. 

Soeben erklang der Schlussakkord, die Tanzenden strömten auseinander und Constanze dirigierte Thomas Sand zum hinteren Schankraum.

„Haben sie meinen Bruder gesehen?“ fragte sie während sie ihm die Hand gab.

„Welchen?“

„Den Heinrich, wen sonst.“

„Bisher nicht. Was darf ich Ihnen bestellen?“

 

 

Der Unfall

Um diese Zeit bahnte sich eine 600er BMW auf dem Weg von Dülmen nach Seppenrade den Weg durch den Sturmregen.

Der Fahrer zog seine Motorradkappe enger, weil Regen unter das Leder drang.

Heinrich von Weesberg und sein Freundin Gisela waren auf dem Weg zum Erntedankfest, als der Sturm aus Nordwest sie überraschte.

Heinrich war ein leidenschaftlicher Motorradfahrer, der in jeder freien Minute auf seinem Bock saß, aber  im Augenblick wäre ihm der alte Mercedes des Weesbergschen Hofes lieber gewesen.

„Wir haben noch zwei Kilometer bis Seppenrade, halten wir

das durch?“, rief er nach hinten, zweifelnd, ob  Gisela, die dicht an ihn geschmiegt, die  Arme um seine Lenden geschlungen, ihn  überhaupt verstehen würde.

„Ich schon“, kam es übermütig von hinten, „und du, hat der große Heinrich von Weesberg etwa die Hosen voll?“

„Nicht solange du bei mir bist.“

„Möchte ich dir auch nicht geraten haben.“

Er spürte wie sie ihren Kopf an seinem Rücken rieb. Gisela war okay. Mit ihr konnte man Pferde stehlen. Oder Ponys zu- mindest.

Er rückte die Motorradbrille zurecht, die unsicher auf seiner schiefen Nase saß und sah auf die Fahrbahn, wo sich Lehmklumpen, die aus den Profilen irgendwelcher Erntewagen gefallen sein mochten, mit dem Regen zu einem glitschigen Brei vermischten.

Vorsichtig drosselte er das Tempo.

„Hab ich zwei Kilometer gesagt? Im Augenblick weiß ich nicht einmal genau wo wir sind.“

„Kein Wunder, alles ist dunkel. Hier waren doch früher überall Gehöfte.“

„Die Birkenallee sieht überall gleich aus. Kein Fahrzeug weit und breit. Es ist, als wären wir allein auf der Welt.“

Das Licht des Scheinwerferlicht brach sich an den   Regenfäden brach und ein kleines Stück der regennassen Fahrbahn glänzte im Licht.

Die Fahrt erschien ihm endlos lang, aber irgendwann würden die ersten Häuser von Seppenrade erscheinen.

Er überholte soeben einen Fußgänger, der auf der rechten Straßenseite, mit hochgeschlagenem Mantelkragen gebückt gegen den Sturm anging, als eine Sturmböe Heinrich fast vom Motorrad warf.

In das Heulen des Sturmes mischte sich jäh das Bersten von Holz.

„Heinrich, pass auf.“

Instinktiv riss er den Kopf hoch und sah die vom Sturm abgeknickte Birke mit ihrer  weißen Rinde, angeleuchtet vom Scheinwerferkegel, auf sich zurasen. Dann wurde es dunkel.

 

Die Schägerei

Nur wenige hundert Meter weiter in „Naundrups Hof“ stieg zu dieser Zeit die Stimmung auf dem Fest. Thomas Sand war nicht von Constanzes Seite gewichen.

Er fand Gefallen an der jungen Frau und wenn er mit ihr tanzte kam er sich vor wie Fred Astair. Darum ließ er keinen Tanz aus.

Nach einer der Tanzrunden lud er Constanze zu einem dritten Glas Sekt ein.

Sie nickte nur und er fühlte ihre Hand in der seinen als sie sich den Weg durch die anderen Tanzpaare bahnten. An der Theke standen einige Männer, es mochten Bauern oder Landarbeiter aus der Umgebung sein, die lebhaft über John F. Kennedys Wahl zum Präsidenten diskutierten und er spürte, wie Constanze ihn in eine andere Richtung dirigierte. 

Etwas abseits vom Trubel trafen sie dann einige junge Leute aus der Landjugend und schnell war eine fröhliche Unterhaltung im Gange.

Die Tanzpause endete schnell, und der Diskjockey legte gerade einem langsamen Walzer auf, als Sand bemerkte, wie sich zwei betrunkene Männer an der Theke lautstark stritten.

„Ist das nicht euer Altknecht?“, fragte er zu Constanze gewandt.

„Das ist typisch. Wo Willy ist, gibt er Ärger. Ich will hier weg.“

Nun hörte man Worte wie „Hinterwäldler“, „Pfahlbürger“ und ähnliche Vorkabeln durch das Stimmengewirr und Sand sah, wie Willy mit seiner Pfeife vor dem Gesicht des anderen herumfummelte.

Constanze zupfte an Sands Jackenärmel: „Bloß weg hier.“

„Nein warten Sie. Das ist zu interessant.“

Gleich darauf eskalierte der Streit. Es war nicht zu erkennen, wer als erster von der Faust Gebrauch machte, jedenfalls kam es zu einem Handgemenge und schon  lagen die beiden sich gegenseitig überrollend auf dem Boden.

Das Erntedankbouquet stob auseinander und Rüben und Kartoffeln rollten auf die Tanzfläche, während aus den Boxen Caterina Valentes Stimme flehte: „Vaya con Dios, my

darling, may God be with you my love.“

Der Streit war für die meisten Anwesenden eher überraschend gekommen und noch dachte offenbar niemand daran einzuschreiten, bis der Wirt hinter der Theke hervorkam und die Raufbolde mit energischen Griff an den Jackenkragen packte und ihre Köpfe zusammenstieß. „Schluss jetzt, keine Schlägerei in meinem Lokal“, wies er

die beiden zurecht.

Es hatte sich bereits eine Reihe von Schaulustigen gebildet und der Diskjockey hatte die Schallplatte vom Teller genommen, weil niemand mehr tanzte. So standen nun alle etwas betreten im Thekenbereich. In diesem Augenblick ertönte draußen das Martinshorn eines vorbeifahrenden Wagens.

 

Am Unfallort

Die Polizei war schon am Unfallort, als der Krankenwagen

des St.- Marien - Hospitals mit Blaulicht ankam. Regen und Sturm hatten ein wenig nachgelassen.

Polizeimeister Volmer ließ die Unfallstelle absperren und schaute nun nach den Verletzten. Er war ein erfahrener Mann, aber er spürte einen Kloß im Hals.

Das Motorrad lag mit abgerissenem Lenker auf der Fahrbahn, Glassplitter und Blechteile überall verstreut. Die Schlieren auf der Fahrbahn zeigten den Weg, den die schwere Maschinen geschliddert war, Baumrinde und Grasbüschel mit sich reißend.

Unter der Birke lag eine reglose Person mit unnatürlich verdrehtem Kopf, in einer Regenpfütze, die von Blut rot gefärbt war. Volmer erkannte, dass sie tot war, ohne näher hinzusehen, und er unterdrückte ein Würgen. Am Straßenrand knieten der Passant, der den Unfall entdeckt

hatte und Volmers Kollege bei dem zweiten Verletzten, der bei Bewusstsein war und leise wimmerte. Polizeimeister Volmer erkannte das blutverschmierte Gesicht.

„Mein Gott, das ist Heinrich von Weesberg.“ Volmer beugte sich zu dem Verletzten: „Herr von Weesberg, Herr von Weesberg, hören sie mich.?“

Volmer bekam keine Antwort. Fürsorglich zog er seinen Uniformmantel aus, um den Verletzten vor dem Regen zu schützen.

„Lassen sie mich mal sehen“, hörte er den Notarzt Dr. Wagenfeld, der sich zielstrebig Platz verschaffte, während zwei Sanitäter die Tote unter der Birke hervorzogen und sie auf eine Trage legten.

Polizeiwachtmeister Volmer kam sich plötzlich überflüssig vor und er tat das Naheliegendste, er zog den Passanten auf die Seite, hin zu dem Polizeiwagen,  um, geschützt vor dem Wetter, den Unfallhergang zu erfragen. Der Zeuge stellte sich als Jan ten Bohlen, ein Nachbar der Weesbergs vor, und berichtete,  vom Geschehenen noch sichtlich benommen. Regen, Sturm und eine umknickende  Birke, die wie eine Axt auf das Motorrad eingeschlagen hatte.

Er war zu Fuß auf den Heimweg gewesen, als ihn das Motorrad überholte, und gleich darauf war es passiert. Volmer bot dem Landwirt eine Zigarette an, die der Nichtraucher dankbar und etwas unbeholfen entgegennahm.  „Nein, viel mehr habe er nicht zu berichten. Er habe dann ein zufällig vorbeikommendes Auto angehalten, und sich nach Lüdinghausen fahren lassen, um dort Hilfe zu holen.

„Nun gut“, beendete Volmer seine Ermittlung, „Kommen sie

morgen auf die Wache, damit wir alles protokollieren.“ Er stieg aus und wandte sich an Dr. Wagenfeld, der bei dem Verletzten kniete und  einen notdürftigen Kopfverband anlegte.

„Herr Doktor, wir brauchen eine Blutprobe von ihm.“ „Unmöglich,“ erwiderte der Arzt knapp, ohne seine

unbequeme Stellung zu ändern.  

„Er ist schwer verletzt, er wird  jeden Tropfen selber brauchen. Informieren sie lieber die Angehörigen. Die wollen ihn vielleicht noch einmal sehen.“

 

Auguste von Weesberg

In dieser Nacht fand Auguste von Weesberg keinen Schlaf. Als sie und Ansgar vom Hospital wieder kamen, graute der Morgen. Das Feuer im Kamin war erloschen und die Diele war kalt.

Ansgar wandte sich zur Treppe: „Ich gehe zu Bett.“

„Ich bleib noch hier.“

„Es hilft alles nicht. Wir müssen schlafen.“

„Ich kann jetzt nicht schlafen.“

„Er ist in Gottes Hand.“

„Barmherzigkeit, mein Gott Barmherzigkeit.“

„Gute Nacht. Komm nicht so spät.“

Damit war Auguste allein in der weiträumigen Diele und ging eine Zeitlang auf und ab. Sie fröstelte, und zog den Schal dichter um den Hals. unterdrückte einen Hustenanfall und ging zum Vertiko hinüber.

Auf dem Möbelstück stand eine Cognacflasche und ein Foto das einen Steppke mit hellen Haaren zeigte.

Auguste nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche und der Hustenreiz ließ nach. Sie stellte die Flasche ab, nahm das Foto in die Hand und betrachtete es eine Zeitlang.

Blonde Haare, kurze Hosen mit Strümpfen, eine Wundertüte in den Armen.

„Mein Heinrich.“

Sie stellte das Foto wieder an seinen Platz, zog einen Mantel an der an der Garderobe hing  und ging auf den Wehrgang hinaus. Von hier konnte sie die Burg im Morgengrauen überblicken.

 

Die Familie der Weesbergs

Die Weesbergs saßen seit Generationen auf ihrem Hof am Ufer der Stever, nur dreißig Gehminuten nördlich von Lüdinghausen

Ein Vorfahr, Lambert von Oer hatte die Hofstelle im 15.Jahrhundert zu einer stattlichen Burg ausgebaut.

Auf Süd - und Westseite war ein mächtiger Wassergraben ausgehoben, auf der Nord – und Ostseite floss die Stever, deren Wasser die Ölmühle antrieb. In der Außenburg, neben der Mühle stand eine Kapelle mit einem Wetterhahn auf dem First. 

Der Fluss, von Kopfweiden gesäumt, schlängelte sich  durch die Auelandschaft. 

Im Sommer badeten die Weesbergs und ihre Nachbar in den  tiefen Kolken die sich in Jahrhunderten eingegraben hatten.

Das sich in den vierziger Jahren eine ältliche Tante in einem dieser Kolke ertränkt hatte, tat dem Badespaß keinen Abbruch.

Den Namen Weesberg hatte die Familie bekommen, als ein Urenkel Lamberts, keine männlichen Nachkommen hatte und dessen älteste Tochter Agnes einen Bernhard von Weesberg aus dem benachbarten Nordkirchen heiratete.

Bernhard hatte im Stellungskrieg vor Verdun ein Bein verloren, ein Erlebnis welches sein ganzes Leben und sein Verhältnis zu Menschen mit einer anderen Staatsbürgerschaft veränderte. Er hasste alles was nicht deutsch war, insbesondere die Franzosen, aber er war ein tüchtiger Verwaltungsfachmann und verschaffte sich Achtung in der Elwert und bei seinem Schwiegervater. Sein cholerisches Temperament indes, brachte ihm in der Elwert den Spitznamen „der Polterer“ ein, denn er ärgerte sich über geringe Dinge und verbarg damit die Trauer um sein verlorenes Bein.

Was den Polterer allerdings am meisten wurmte war der fehlende Kindersegen, der Jahre auf sich warten ließ. Als seine Angetraute dann nach mehreren Fehlgeburten  Zwillinge zur Welt brachte, pflanzte er vor dem Torhaus zwei Linden. Eine auf jeder Seite der Wehrbrücke. 

Zu der planerischen Umsichtigkeit, die den von Oers zu eigen war, gesellte sich nun  das Temperament der Weesbergs. Bernhard nannte den Erstgeborenen Ansgar, nach seinem Großvater väterlicherseits, und den Zweiten nannte er Hermann, nach dem Großvater mütterlicherseits. 

Die Sommer und Winter vergingen auf Weesberg im vorbestimmten Ablauf von Sähen, Ernten und Winterruhe.

Ein Krieg zog über die Welt, ein Kaiser zog nach Doorn, in die politische Abgeschiedenheit, und  die Westfalen rollten das „R“ nach wie vor so unermüdlich wie die Stever das Rad der Ölmühle. Ansgar und Herman wuchsen zu stattlichen Männern heran.

 

Horst von Stahl

In der Sturmnacht saß Horst von Stahl im Arbeitszimmer seines Hauses in Meerbusch. Die Ellenbogen auf die Schreibtischplatte gestützt, das Gesicht in die Hände vergraben, seine Schultern bebten.

Er saß schon eine ganze Weile so, als sich Arme um seine Schultern legten.

„Nimm es doch nicht so schwer“, hörte er seine Frau Thekla hinter sich.

„Ich liebe Dich doch.“

„Ich weiß.“

Horst von Stahl setzte sich auf, aber er wendete sich nicht um. Er konnte ihr nicht in die Augen sehen. Nicht jetzt.

„Das es schon wieder passiert ist.“

„Es ist ja nichts passiert. Du bist nur überarbeitet.“

„Daran liegt es nicht. Früher habe ich auch gearbeitet. Sogar noch viel mehr.“

„Du wolltest doch mit Doktor Brenner darüber sprechen.“

„Ich war bei ihm.“

„Und?“

„Ich habe kein Wort heraus bekommen. Ich habe ihm erzählt mir sei nicht wohl. Ich konnte einfach nicht. Verstehst du?

„Du konntest nicht. Ja, ich verstehe.“

„Du verstehst nichts. Nicht wie mir zu Mute ist, nicht wie ich mich fühle.“

„Das Telefon.“

Horst von Stahl hatte es nicht gehört. Jetzt straffte sich seine zierliche Gestalt und als er sein „Von Stahl“ in den Hörer bellte, war er wie Odysseus, der den Sperr durch zwanzig Axtaugen schleuderte.

Am anderen Ende der Leitung meldete sich Direktor Geldermann, der Leiter seines Duisburger Stahlwerkes.

„Herr von Stahl, entschuldigen Sie wenn ich Sie zu so später Stunde störe, aber wir haben ein Problem.“

„Spannen sie mich nicht auf die Folter.“

„Es war Sturm.“

„Das weiß ich bereits.“

„Der Sturm hat einen Konverter von der Esse gerissen.“

„Dann setzen sie ihn wieder drauf. Wofür haben Sie eine Instandhaltung.“

„Der Konverter ist am Flansch gerissen. Es muss geschweißt werden. Das dauert.“

„Hatte ich nicht gesagt, sie sollen einen Ersatzkonverter besorgen.“

„Der Investitionsantrag ist noch bei der kaufmännischen Abteilung.“

„Wenn ich ihnen sage, sie sollen etwas kaufen, dann tun sie es gefälligst.“

„Ja natürlich Herr von Stahl gleich morgen früh.“

„Ich schaue morgen Früh mal rein. Bis dahin ist die Sache geregelt. Guten Morgen.“

Horst von Stahl knallte der Hörer auf die Gabel: „Geldermann ist unfähig.“

„Was war denn?“

„Ein Sturmschaden in Duisburg. Nichts besonderes. Komm, lass uns wieder ins Bett gehen.“

 

Horst von Stahl trug das „von“ vor seinem Namen nicht ohne Stolz, allerdings war er nicht von Adel. Er war ein Emporkömmling. Geboren in einer Mansarde über der Stever, im inneren Teil Lüdinghausens, in einer Familie, die  Morgens nicht wusste ob sie  Abends würde satt essen können, hatte er einen erstaunliche Karriere gemacht.

Sein Vater Pierre van Staal, war Lumpensammler gewesen, der mit einer alten Sturzkarre,  den Wallach „Monsieur“ vorgespannt, durch die umliegenden Bauernschaften fuhr, die Schelle in der Hand und ein Lied auf den Lippen: „Lumpen, Eisen, Knochen und Papier, alles, alles sammeln wir.“

Vater Pierre war immer gut gelaunt und pfiff vergnügt, wenn der Tag gut war. Die Bezeichnung „Lumpensammler“ hätte er für eine Beleidigung gehalten und wurde er nach seinem Beruf gefragt so sagte er: „Kaufmann, ich bin ehrlicher Kaufmann.“

Gelegentlich fuhr der zehnjährige Horst mit seinem Vater über Lande und saß stolz neben ihm auf dem Kutschbock, die Hände auf die Knie gestützt, so dass die Flicken an seiner Hose kaum zu sehen waren. 

 

Eines Tages kamen sie zu einem herrschaftlichen Anwesen am Ufer der Stever. Zwei mächtige Linden überragten alle Gebäude und schon von weitem sah man das Torhaus mit den mit roten Ziegeln.

„Schau Papa, ein Schloss“, rief  Horst und zeigte zu dem Anwesen hinüber.

„Es ist eher eine Burg“, belehrte ihn sein Vater, gab dem Wallach die Peitsche und stimmte sein Lied an.

Minuten später rumpelten die Eisenreifen der Sturzkarre auf der Einfahrt zum Torhaus. Eine struppiger Jagdhund , an eine Laufleine gekettet, bellte zornig und lief an der Leine auf und ab.

„Papa.“

„Was gibt es?“

„Da steht ein Schild.“

„Was geht das uns an, Bub.“

„Da steht, betteln und hausieren verboten.“

„Sind wir Bettler? Wir sind ehrliche Kaufleute und bieten gutes Geld für altes Eisen und Sachen die niemand mehr braucht.“

Sie fuhren durch das Torhaus und Pierre betätigte seine

Schelle. Vor dem Haupthaus hielten sie. Vater Pierres wollte sich grade vom Kutschbock schwingen, als sich die Tür öffnete und ein knorriger, alter Mann im blauweiß gefärbtem Kittel in der Türe erschien und sie mit düsterer Miene musterte:

„Was wollt ihr?“

Vater Pierres ließ unwillkürlich auf der Sitz der Kutsche zurückfallen, denn die Haltung des Alten hatte etwas drohendes.

„Mein Herr“, begann Vater Pierres, „wir sind Händler und sammeln Alteisen, alte Kleidung und Papier. Wir zahlen.....“

„Habt ihr das Schild nicht gelesen?“ Der Alte kam einen Schritt näher und sah nun vom Vater Pierres zum dem jungen Horst der sich unwillkürlicher duckte. Horst wäre am liebsten vom Kutschbock gesprungen und weggerannt aber er konnte seinen Vater nicht im Stich lassen der sich jetzt verteidigte:

„Wir sind Kaufleute, die......“

„Kaufleute? So wie ihr ausseht, seit ihr eher Landstreicher.“

Horst legte, ohne sich dessen bewusst zu werden, die Hände auf die Flicken seiner Hose.

„Mein Herr“, hörte er seinen Vater, „Wir bezahlen nach den üblichen Marktpreisen und wollen nichts geschenkt.“

„Ich habe nichts, was ich euch verkaufen möchte. Warum redet ihr eigentlich so komisch, euer Akzent, das klingt doch französisch.“

„Wir sind aus Belgien eingewandert.“

„Ach, dachte ich’s mir doch, Franzosenfreunde. Zu Hause hat man euch nicht haben wollen und da kommt ihr zu uns. Runter vom Hof:“

„Aber mein Herr, das ist eine Tonart die ich.......“

„Runter vom Hof, sonst lasse ich den Hund los.“ Der Mann in dem Kittel ging zu dem Hund hinüber. Dabei schwang er sein rechtes Bein mit einer schleudernden Bewegung voran

„Papa, lass uns fahren.“ Horst zitterte.

„Ja Bub, wir fahren.“

Pierre trieb den Wallach mit der Peitsche an, wendete das Gespann und der Wagen rumpelte wieder durch das Torhaus in die Elwert. Die Beiden auf dem Kutschbock schwiegen und sahen gerade aus über den Sandweg mit seinen ausgefahrenen Spurrillen. Nach einer Zeit blickte Horst blickte verstohlen zu seinem Vater hinüber. Eine Träne lief über dessen Wange und blieb in den Bartstoppeln hängen.

„Papa, was sind das für Leute?“

Vater Pierres schniefte: „Ich habe den Alten noch nie gesehen, aber die Burg muss die Weesbergsche Burg sein. Der alte Weesberg gilt als arrogant und rücksichtslos. Man nennt ihn den Polterer.“

„Er ist ein Deubel, Papa“, antwortete Horst und spuckte auf den Hintern des Pferdes.

Monsieur trottete gemächlich vor der Sturzkarre deren Räder tief in den Sand schnitten. Nach einer Weile sagte der junge Horst: „Wenn ich groß bin, will ich reich werden. So reich, dass ich diesen Deubel von seiner Burg jagen kann.“

„Nein Bub. Sag das nicht, nein, sag das nicht. Rache bringt nur Unglück. Wir wollen mit allen in Frieden leben.“

 

Noch im gleichen Jahr zogen die van Staals nach Essen Kupferdreh wo Vater Pierre einen Schrotthandel übernahm.

Aus seinem Namen „van Staal“ machte er ein „von Stahl.“

Es erschien ihm einfach zweckmäßiger. Ein paar Jahre später hinterließ er seinem nun achtzehnjährigem Sohn einen gutgehenden  Schrotthandel, die Grundlage für dessen späteres Vermögen.

Die Stadt Kupferdreh leitet ihren Namen von der Tatsache ab, dass hier im vorigen Jahrhundert an  den Ufern der Ruhr, die von See kommenden Kupferschiffe, ihre Ladung löschten. Wegen der mangelnden Wassertiefe  mussten die Schiffer an dieser Stelle wenden und man warnte sie mit dem Ruf: „Copper Drey“, was soviel heißt wie, „Kupferschiffer dreh um.“ Kupferdreh wurde durch Handel und Verarbeitung von Kupfer zu einer wohlhabenden Stadt.

Aber Horst von Stahl machte sein Vermögen nicht mehr mit Kupfer. Im II. Krieg belieferte er die Reichsarmee mit Stahlhelmen, Koppelschlössern und Essgeschirr.

Nach dem Krieg begann er damit, alte Schiffe aufzukaufen und auszuschlachten.

Aus Schiffwellen, in Scheiben gesägt, wurden

Schmiedescheiben, und aus den zerlegten Spundwänden und

Bugblechen wurde nach einiger Richtarbeit deutscher Qualitätsstahl. Es war wie eine Lizenz zum Gelddrucken.

Heute besaß er ein Stahlwerk in Duisburg, eine Gießerei in Lüdinghausen und eine Reihe Beteiligungen an verschiede-nen Firmen. Erst im reifen Alter hatte er eine junge Frau geheiratet, hatte nun eine kleine Tochter und er fühlte, wie er langsam impotent wurde.